Programm

Freitag, den 2. September, 17–20 Uhr

mit Samantha Bohatsch,

Lorena Izquierdo & Steffi Weismann,

Black on Black (FezayaFirar & Ceren Oykut)

 

Samstag, den 3. September, 16–20 Uhr

Adriana Disman,

Stella Geppert mit Lyllie Rouviere,

Nicole Wendel & Jan Burkhardt

Black on Black (FezayaFirar & Ceren Oykut)

Guda Koster & Frans van Tartwijk, im Außenraum

 

Sonntag, den 4. September, 16–20 Uhr

mit Susanne Bosch,

Anja Ibsch,

Lorena Izquierdo,

Stella Geppert mit Lyllie Rouviere

Guda Koster & Frans van Tartwijk, im Außenraum

 

19 Uhr Talkrunde zum Thema Performance mit Susanne Bosch,

Florian Feigl, Stella Geppert, Anja Ibsch und Teena Lange

 

Eintritt frei

5D

Reading Performance von Samantha Bohatsch

 

Inspiriert von der Großstadt, von Orten, an denen man seine Jugend verbracht hat und von Momenten, die emotionale Spuren hinterlassen haben – Samantha Bohatsch setzt sich in einer Reading Performance mit der Frage auseinander, inwiefern das jetzige als auch das vergangene soziale Umfeld die Entwicklung eines Menschen prägen können. Losgelöst von Zeit und Raum, lässt Bohatsch verschiedene Erzählstränge aufeinandertreffen und zwischen Verschmelzung und Eigenständigkeit oszillieren. Diese ausschnitthaften Narrative erinnern auf eine vertraute Art und Weise an die von uns auf unseren Smartphones täglich ausgetauschten Sprachnachrichten. Sie geben intime Momente wieder, gewähren Einblicke in das Innenleben und offenbaren Informationen, die man sonst nur mit den engsten Vertrauten teilt. Indem Bohatsch die Erzählstränge miteinander verwebt und sie mit einer besonderen Ruhe vom Handydisplay abliest, überträgt sich die Intimität der Nachrichten auch in den Raum. Die Antworten müssen wir zwischen den Zeilen finden.

Vivien Kämpf

 

Bohatsch arbeitet mit Reading Performances, textbasierten Soundarbeiten und Installationen. Bohatsch beschäftigt sich in ihren Arbeiten mit zwischenmenschlichen Beziehungen und Transformationsprozessen, inspiriert von persönlichen Erfahrungen, Beobachtungen aus dem Internet, queerer und feministischer Literatur, Geschichte und Popkultur.

 

www. samanthabohatsch.com


CHOISYA PERFORMANCES

von Black on Black

 

Black on Black ist eine audiovisuelle Performanceserie. Charakteristisch sind Live-Zeichnungen, ergänzt durch elektronische Live-Musik. In überraschenden, ungebändigten Linien erzählt Ceren Oykut Geschichten von urbaner Transformation, Lebenswelten und Sprache, begleitet von FezayaFirars live synthetisierten Sciencefiction-Klangwelten.

Die Performances versuchen, den Synergieeffekt von Klang und Bild einzufangen, die sich gegenseitig beeinflussen und inspirieren. Mit der Methode der Improvisation betonen die Künstler das Suchen, schützen ihre Produktion vor den Grenzen erlernter Formen und schaffen neue Erkundungsräume zwischen verschiedenen Medien. Die Black on Black Performances haben einen ortsspezifischen Charakter, indem sie Umwelt- und Raumfaktoren zur gegenseitigen Synergie nutzen. Alles wird vor Ort in Echtzeit produziert und präsentiert. Die Künstler, die in der gleichen Kultur in Istanbul aufgewachsen sind, teilen das gleiche kollektive Bewusstsein, entwickeln neue gemeinsame Formsprachen und entdecken neue Formen in ihrer Kunst. Black On Black ist ein Projekt, bei dem die einzelnen Künstler durch die Kunst tiefe Bindungen zueinander aufbauen und offen für neue Produktionsformen bleiben.

 

Black on Black ist eine Kooperation von Ceren Oykut und FezayaFirar.

Oykut beschäftigt sich mit den Transformationen einer Stadt und wird daher als „visuelle Stadthistorikerin" bezeichnet. Ihre sich rasant verändernde Heimatstadt Istanbul hatte großen Einfluss auf ihre künstlerische Praxis. In der Welt radikaler Gentrifizierung in Berlin konstruiert sie künstlerisch neue Landschaften. FezayaFirar ist ein 2012 in Istanbul gegründetes Duo der beiden Brüder Melih und Emre Sarıgöl und ist nach einem der ersten Sciencefiction-Romane in türkischer Sprache benannt, nämlich „Flucht ins Weltall".

 

www. blackonblack.black


Echokammern und Demokratie Chöre

Vom Kopfkult und Schädelmystik

von Susanne Bosch

 

Mein innerer Chor an Meinungen, Gedanken und Stimmen erklingt in meinem Hirn gleichzeitig und parallel, die innere Diskussion lässt keine Fragmentierung zu. Manche Stimmen tun sich zusammen, doch einen geschützten Raum zur Meinungsbildung mit Gleichgesinnten und gegenseitiger Perspektivstärkung gibt es in der Regel nicht. Funktioniert mein Hirn deshalb wie eine ideale Demokratie? In meiner Performance mute ich den Anwesenden eine Episode meines inneren Demokratie Chors zu. Ich entlasse diese in den Veranstaltungsraum und mache somit die Zuhörenden zu Zeug*innen eines politischen Prozesses.

Echokammern steht als Begriff für „einen metaphorischen Raum, in dem Aussagen verstärkt und Störgeräusche, etwa anders lautende Meinungen, geschluckt werden“, so Mario Haim. Eine demokratische Öffentlichkeit sollte eine Vielfalt an Meinungen anregen, um die Differenzierung von Ansichten und damit Beteiligung Vieler zu stärken. Wenn Meinungsbildung ausschließlich in geschlossenen Räumen mit Gleichgesinnten stattfindet, bildet sich eine zunächst unsichtbare und dann sehr spürbare Fragmentierung aus.

 

Kunst ist für mich eine Praxis, um über soziale, politische und historische Ereignisse in den Dialog zu treten sowie eine Schnittfläche, wo durch und mit ästhetischen Formen ein anderer Umgang mit den gegebenen Verhältnissen erprobt werden kann.

 

www.susannebosch.de


Questions Without Answers Must Be Asked Very Slowly

von Adriana Disman

 

Die Suche nach den Nuancen des Widerstands bestimmt meine Performance-Praxis.

Ich möchte Momente erschaffen, die das Leben erträglicher machen. In einer Welt, die versucht, alles was mir wichtig erscheint, auslöschen zu wollen. Mit meinen Performances frage ich, wie das Innen und das Außen – auf der Ebene des einzelnen, des politischen und eines umfassenderen philosophischen Körpers – bestimmt werden.

 

Ich glaube nicht, dass wir frei sein können, aber ich denke, wir könnten freier sein.

Momentan ist das Überleben hauptsächlich von Arbeit, Besitz, Individualismus, Knappheit und Wettbewerb bestimmt. Ich möchte nicht auf diese Art überleben. Aber etwas anderes zu erträumen ist schwer: Alles, was mir beigebracht wurde, sitzt so tief.

Um asymmetrische Machtsysteme aus ihrer eigenen Logik heraus zu bekämpfen, braucht es Raum. Und es braucht Orte, die diese Logik vollständig ablehnen: so wie der Raum der Performance. Hier ist es möglich, andere Logiken zu gestalten. Einfach, aber radikal. Wie sucht man in einer Zeit, in der die biopolitische Steuerung des Körpers bis auf die Ebene der Moleküle reicht, nach Befreiung?

 

Der Titel der Performance ist ein Zitat aus Anne Michaels Fugitive Pieces.

Adriana Disman ist eine Performance-Künstlerin, Denkerin und Autorin. Derzeit ist sie Co-Kuratorin des Projekts Buch Apotheke im Projektraum grüntaler9 in Berlin.

 

www.adrianadisman.com


When Mouth Meets Nose – Vocabulary of Empathy

von Stella Geppert mit Lyllie Rouvière and friends

 

In der Performance When Mouth Meets Nose wird der Körper, der sich in steter Kommunikation befindet, als eine Membran betrachtet. Die Menschen und andere Spezies, Pflanzen, Zellen und Organe stehen im Austausch miteinander. Die Bewegungen werden als sich den Raum formende und hingebende Interaktion aufgefasst, somit setzt sich auch diese Arbeit mit transformatorischen Zuständen von Körper und Raum, Material und Berührung, Kontakt und Resonanz auseinander, wie vorherige Arbeiten von Stella Geppert. Diese, das Publikum miteinbeziehende Performance bezieht sich auf einen Abdruck von Nasenspitze und Mund, die in der Überlagerung die Wirbelsäule auf eine poetische Weise abbilden.

 

Stella Geppert ist Bildhauerin und Performerin. Ihre Arbeiten beschäftigen sich mit verkörperter Kommunikation, kollektiven Traumata und Atmung. Die sinnliche Fähigkeit des Körpers, sich in Raum, Körper, Material und Substanz „hineinzudenken", ist ein wichtiger Aspekt ihrer Arbeit. Sie lehrt bildhauerische und performative Praxis an der Burg Giebichenstein Halle und ist Teil des Berliner Kollektivs flutgraben performances. Erstmals werden Stella Geppert und Lyllie Rouvière zusammenarbeiten. Als Choreografin und Tänzerin verortet Lyllie Rouvière ihre Arbeit an der Schnittstelle von Räumlichkeit und Körper. Beide vereint das Interesse an unsichtbaren Bewegungsqualitäten des Körpers, die den Raum empathisch aufladen.

 

www.stella-geppert.de


Krisis

von Anja Ibsch

 

„Die Gegenwart anderer, die sehen, was wir sehen, und hören, was wir hören, versichert uns der Realität der Welt und unser selbst.“ Hannah Arendt in Vita activa

 

Ich verstehe Performancekunst als eine Möglichkeit zum Verständnis unserer Beziehung zur uns umgebenden Welt. Dieses Aushalten des Unbestimmten ist elementarer Bestandteil meiner Praxis. Nichts ist gegeben, im Prozess öffnen sich Wendungen, die unmöglich erdacht werden können. Es gibt keine Wahrheiten, keine Grenzen und keine Festigkeit. Ein stilles, implizites Wissen ist Vorausetzung für empraktisches Handeln (prärational, vortheoretisch, intuitiv). Da wir Wissen besitzen, können wir handeln und da wir handeln, besitzen wir Wissen.

 

In der Performancekunst ist Ungewissheit ein erwünschter Zustand. Um einen offenen Ausgang zu erreichen, wird ein fast krisenhafter Prozess durchlaufen. In meinen Performances versuche ich dies sichtbar zu machen und den Betrachtern die Angst davor zu nehmen. Das Ergebnis ist ohne einen offenen Entstehungsprozess nicht denkbar. Das Erforschen des Materials, das Finden von Archetypen sind Mittel, Erfahrungen jenseits des Bekannten zu erleben.

 

Erlebnishorizont

Was passiert in den Zwischenräumen und welche Bewegungen finden statt, wenn ich einen Stuhl umwerfe? Oder in einem vollen Bus: Die Anderen, die Bewegung des Buses und die Luft, die wir gemeinsam atmen, bestimmen meine Entscheidungen. Die meisten Aktionen sind unbewusst, Raum ist so fortlaufend wie Zeit. Alles bewegt sich, es gibt keine Fixpunkte. Ungewissheit ist ein erwünschter Zustand, im Prozess öffnen sich Wendungen, die unmöglich erdacht werden können. Um eine offene Praxis zu erreichen, wird ein fast krisenhafter Prozess durchlaufen. In meinen Performances versuche ich, dies sichtbar zu machen und den Betrachtern und mir die Angst zu nehmen. Es gibt keine Wahrheiten, keine Grenzen und keine Festigkeit. Das Ereignis ist ohne einen offenen Modus und ohne die Zeugenschaft der Betrachter nicht denkbar. Es entsteht ein gemeinsames Feld, eine Form der Kommunikation, die wir nur erleben, nicht aber bewusst begreifen können.

Ich nenne dies „mit den Zellen denken“.

 

www.anja-ibsch.jimdofree.com


Coole Typen

von Guda Koster und Frans van Tartwijk

 

Die Performances von Guda Koster und Frans van Tartwijk finden an ausgewählten Orten im öffentlichen Raum statt. Sie stiften Verwirrung, sind aber dabei nicht aufdringlich. Ihre perfekt gefertigten „lebenden Skulpturen“ stehen still, gehen vorbei, singen oder tanzen. Der Passant mag sich fragen, was die wahre Natur dieser Erscheinungen ist?

Sind sie Maschinen, Performer, männlich oder weiblich?

Lost and Found und Fluffy Wit sind zwei Figuren, die ursprünglich für die Performance Coole Typen (2022) entwickelt wurden. Fluffy Wit ist eine elegante Figur, die mit üppigem, weißem Kunstfell überzogen ist. Ist sie eine verwunschene Prinzessin oder ist ihr nur kalt? Lost and Found besteht aus billigen Einkaufstüten. Ist er ein Hamsterer, der Fundstücke sammelt, oder jemand, der seinen ganzen Besitz mit sich herumträgt?

 

Seit 2016 entwickeln Guda Koster und Frans van Tartwijk gemeinsame Performances.

Kosters Bilder beziehen sich dabei häufig auf Kleidung und Kostüme und nach einer Werkgruppe mit fotografischen Selbstportraits in ihren Skulpturen war es ein logischer Schritt, Performances zu machen. Frans van Tartwijk ist bildender Künstler, Musiker und Performer. Gemeinsam entscheiden sie, sowohl wie ihre lebenden Skulpturen aussehen sollen, als auch welche Form der Dramaturgie oder Handlung, gesprochener Text, Musik oder Tanz ihre Figuren aufführen werden. Die Figuren von Koster und van Tartwijk bewegen sich in der Tradition der lebenden Bilder an der Schnittstelle von Bildhauerei und Performance.

 

www.gudakoster.nl

www.fransvantartwijk.nl


(N)ON SITE BODIES_DUETT

von Nicole Wendel und Jan Burkhardt

 

Räume formen unseren Körper und Körper formen Raum. Die von Nicole Wendel und Jan Burkhardt entwickelte Performance für die Kleine Orangerie im Schloss Charlottenburg kommt aus einer Serie von vielfältigen Raumannäherungen, in welcher die Bewegung auch als Zeichnung gelesen werden kann. Der individuelle Maßstab wird im Kontext des physischen, psychischen und architektonischen Raumes durch verschiedene Materialien sichtbar und lässt emotionale Geometrien entstehen. Tafeln, Stäbe und Papier werden zu Feldern der Beziehung, Reflexion und Neuordnung. Sie verbinden die Körper auch in ihrer Klanglichkeit mit der Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit von Welt.

Nicole Wendel und Jan Burkhardt haben in den vergangenen Jahren in zahlreichen und sehr unterschiedlichen Kontexten zusammen gearbeitet. Jan Burkhardt ist Tänzer und Choreograph. Seit 2015 gehört er zu den festen Lehrkräften am ZZT Köln. Zentral beschäftigen ihn Fragen des Sharings und der Wahrnehmung als Fundament choreographischer Prozesse. Nicole Wendels künstlerische Wurzel ist das Zeichnen, seit vielen Jahren beschäftigt sie sich auch mit der Intelligenz des Körpers und performativen Möglichkeiten, Form und Gestalt miteinander spielen zu lassen. So verweben sich in den interdisziplinären Begegnungen stets Bewegungen als Zeichnung, Klang als Resonanz der Körper im Raum und Abrieb als bleibende Spur des ansonsten ephemeren Geschehens.

 

www.nicolewendel.de


In der Kleinen Orangerie am Schloss Charlottenburg,

Spandauer Damm 22, 14059 Berlin