Gespräche mit den Künstlerinnen und Künstlern der Ausstellung

in den Räumen der Kommunalen Galerie Berlin

 

am Donnerstag, 20. Januar 2022 um 18 Uhr mit:
Betina Kuntzsch, KUNSTrePUBLIK Künstlerkollektiv und Christof Zwiener

 

am Donnerstag, 27. Januar 2022 um 18 Uhr mit:

Stefka Ammon und Alexander Callsen

 

Es gilt die 2G+ Regel, Nachweis und Personalausweis
Maximal 15 Personen können teilnehmen, diese müssen sich vorher unter:

info@stadtfindetkunst.berlin anmelden und registrieren.

 


Neutrale Zone
von Stefka Ammon

2007, Video, 19:25 min. (ohne Ton)

 

“Neutrale Zone” nannte die Totenkopf-SS den Gang zwischen Elektro-Zaun und Außenmauer des Konzentrationslagers, in dem sie patroullierte. Die Perfidität dieser Bezeichnung kennzeichnet für mich sinnbildlich die abgrundtiefe Menschenverachtung, der mein Großonkel sich angeschlossen hatte. Im Video wird die ehemalige “Neutrale Zone” in der Gedenkstätte Konzentrationslager Sachsenhausen abgeschritten.
Kamera: Thomas Frischhut


www.stefka-ammon.de

GAP Camp
von Alexander Callsen
2013, HD-Video, 06:05 min.

 

Das Video dokumentiert den Aufbau des „Gap Camp“ im Winter 2013 in einer undefinierten Lücke im Schatten einer Bahnbrücke nahe bei den neu gebauten Townhouses entlang der Lichtenberger Hauptstraße in Berlin. Eingefügt in die urbane Nische schirmt die für den Ort angefertigte Zeltkonstruktion eine schmale Restfläche zur öffentlichen Straße hin ab.
Zwischen 2013 und 2014 campierte Alexander Callsen mehrmals vor Ort.
Kamera: Valerie Weishaupt
Schnitt: Axel Jansen, Alexander Callsen

 

www.alexandercallsen.de

Land‘s End
von Konzept, Libretto und Produktion: KUNSTrePUBLIK

(M. Einhoff, M. Lohmann, P. Horst, D. Seiple, H. Sachs)

2010, Medley, mit Untertiteln, deutsche Fassung, 04:09 min.

 

Land‘s End, deutsche Uraufführung, 2010, Skulpturenpark Berlin_Zentrum, Wunderland Ausstellungsreihe

Während eines frostigen Wintermonats säumen sieben ausgebrannte Limousinen das frisch erschlossene Bauland entlang der Kommandantenstrasse, das unter anderem als zukünftiges Dolce Vita-Quartier beworben wird. Aus den verkohlten Autowracks tönen Arien in die klirrend kalte Luft. Sie führen ein städtisches Drama um rivalisierende Lebens-welten auf, in dem es um nicht weniger als die soziale und kulturelle Vorherrschaft geht.
Land‘s End ist eine Metropol-Revue, in der Musik und Bild, Realität und Dichtung in einem Raum aufeinandertreffen. Auf der Freiluftbühne des Skulpturenpark Berlin_Zentrum erfüllen die Fahrzeuge ihre Hauptrolle mit schizophrener Bravour. Multiple Sopran und Baritonstimmen bedienen sich dieser Hülsen und liefern sich ein mal zartes, mal gewaltiges Wortgefecht. Walzerklänge scheinen auf, scharf kontrastiert mit emotionalen Ausbrüchen der Sänger. Mit neuem Libretto bekleidet, verbindet der Klang bekannter Melodien subjektives Empfinden mit objektiver Tonmalerei. Umgebende Baustellen und mondäne Musterpavillons flankieren die Szenerie als Statisten. Der gesamte Park wird zur Bühnenkulisse, die vielschichtige Bilder und Symbole rund um Abwertungsketten und Aufwertungsbestrebungen bereit stellt.
Anwohner können von den Logenplätzen auf ihren Balkonen aber nicht nur inszenierte Ideenträger sehen. Auf der winterlichen Lichtung reihen sich Menschen um ein wärmendes Feuer, verspeisen ein Wildschwein und trinken heißen Wein. Land‘s End erzählt die Geschichte urbaner Transformationsprozesse, wie sie in Metropolen passiert
 

Sopran - Sabine Hill
Bariton - Thorbjörn Björnsson
Komposition: Puccini, Verdi, Mozart, Bizet, Di Capua, Donizetti
Regie, Bühnenbild, Libretto: KUNSTrePUBLIK
es spielen: Touran - Zafira - Fusion - Sprinter - Eleganz - Avanti - Scrofa


www.kunstrepublik.de

immerdar
von Betina Kuntzsch
2021, Video, 02:52 min.

 

Entlang der Oberfläche reibt sich Ohnmacht. Dunkle Ahnung. Allein der Schnee lässt das Monument frisch aussehen, freundlich fast für einen Moment. Den Schnee von Gestern kann er nicht aus der Welt schaffen. Die Zeit hat Furchen hinterlassen auf versteinerter Haut, rieselt über die erhobene Faust und den Sowjetstern am Zipfel der Fahne. Narben und Risse. Wunden, die sich in die Stirn eingraben, ins steingraue Haar der schwarz patinierten Bronze, in Augen, Ohren und Schädeldecke der Geschichte. Leise Hoffnung – im Keim erstickt. Konservierte Vergangenheit, der wir kaum entrinnen können.
Begreifen wir das Denkmal als Mahnmal. Gegen das Ewiggestrige.

Michaela Nolte


Regie: Betina Kuntzsch
Kamera, Schnitt: Sven Boeck
Produzentin: Maria Wischnewski
Produktionsassistenz: Lilly Rinklebe
Komposition, Piano: Joachim Gies
Sprecherin: Claudia Mehnert
Sounddesign, Tonmischung: Michael Walz


Gedicht „immerdar“ von Kathrin Schmidt aus „sommerschaums ernte“
Kiepenheuer & Witsch 2020

 

Der Film ist Teil des Projektes VOM SOCKEL DENKEN, realisiert im Ergebnis eines vom Bezirksamt Pankow von Berlin ausgelobten Kunstwettbewerbs zur Künstlerischen Kommentierung des Ernst-Thälmann-Denkmals. Gefördert durch die Bundesrepublik Deutschland, das Land Berlin im Rahmen des Programms „Stadtumbau“.


www.element-video.de

Fehler ins System: Ernst-Reuter-Platz: Appropriation
von Nikolaus Schrot
2013, Video, Dauer 03:09 min. (ohne Ton)

 

Der Ende der 1950er Jahre mit seiner Mittelinsel umgestaltete Ernst-Reuter-Platz wird von 3-5 Autospuren eingekesselt. Er ist ein städtebauliches Symbol für die Autogerechte Stadt. Während hier der Verkehrsfluss optimiert ist, braucht ein Fußgänger für eine Platzum-rundung mit fünf Fußgängerampeln mindestens 10-15 Minuten. Für Passanten führt lediglich ein aus der U-Bahn kommender Ausgang zum Mittelinsel des Platzes, während kein einziger Fußgängerübergang über die Straße zum „Festland“ führt. Menschen gelangen selten auf den Platz, entweder weil sie sich im Ausgang irren oder weil sie aus der U-Bahn kommend den direkteren Weg über den Platz einer Platzum-rundung vorziehen.
Die Intervention „Ernst-Reuter-Platz – Aneignung“ widmet sich dieser, in der Konzeption des Platzes nicht vorgesehenen Benutzung durch Fußgänger. Menschen, die aus der U-Bahn kommend auf den Platz gelangen werden mit einer roten Markierfarbe verfolgt und ihr Weg wird auf dem Platz abgebildet. So ergibt sich ein Netz aus Linien, die die Aneignung des öffentlichen Raums visualisieren und in ein ästhetisches Bild übersetzen. Die Intervention wurde hierfür aus dem benachbarten Telekom Tower fotografiert und in einer Stop-Motion-Videoarbeit umgesetzt. Für die bessere Sichtbarkeit der Wege wurde die Aktion durchgeführt, als der Platz mit Schnee bedeckt war.


Idee & Konzept: Nikolaus Schrot
Fotografie: Nathalie Cordier & Jasmin Schwarz
Footage: Max Schpeniuk
Assistenz: Emmanuel Gueho & Bartek Kuzniak
Schnitt: Nikolaus Schrot


www.nikolausschrot.de

Intervention mit Schneeball
von Christof Zwiener
2004-2012, video, loop, 03:31 min.

 

Ein zentrales Motiv in Christof Zwieners künstlerischer Arbeit ist die Visualisierung des
Unsichtbaren, der leicht zu übersehenden Teile unserer Wahrnehmungswelt.
Ephemere und komplexe Installationen aus dünnem Garn oder die Dechiffrierung historischer Spuren im öffentlichen Raum - beides hat den gleichen gedanklichen Ursprung in seinem Werk und stellt immer wieder die Frage, wie weit unsere Wahrnehmung gehen kann und reichen möchte.


www.christofzwiener.de


Für kurze Zeit bedeckt Schnee Flächen in der Stadt. Der Schnee verbirgt Spuren und ermöglicht zugleich ein Abzeichnen von neuen Spuren und ein Spurenlegen. Im weiß gewordenen Raum wird vieles in eine neue Sichtbarkeit überführt: Im Schnee wird die Stadt bühnenhafter. Dieser temporäre Zustand der Stadt spielt in den Aktionen der Künstler*innen eine praktische und metaphorische Rolle.

Die Orte, die sich die Künstler*-innen ausgesucht haben, sind Peripherien, Zwischenräume und Orte mit einer historischen Symbolkraft.

Vor dem winterlichen Hintergrund werden von den Künstler*innen Macht- und Repräsentationsansprüche der Orte befragt und reflektiert. Die winterliche Kälte spiegelt dabei auf sublime Weise die soziale Kälte von historischen, politischen und städtebaulichen Vereinnahmungen und Ausgrenzungen wider.

 

Die Künstlerin Stefka Ammon filmt den ehemaligen Patrouillenstreifen an der Außenmauer des Konzentrationslagers Sachsenhausen und zeichnet den Weg nach, auf dem im Nationalsozialismus ein Verwandter von ihr seinen Dienst tat. Die verwischten Fußabdrücke auf dem karg zugeschneiten Weg wirken wie abwesende Zeugen des Ortes, der nie neutral sein kann. Die Leere des Weges, des winterlichen Himmels und der Landschaft, die Ammon in den Blick nimmt, wird zu einer Reflexions-ebene für die Frage nach dem Menschlichen.

 

Ähnlich zu dem Vorgehen von Wohnungslosen, sich Schlafnischen im urbanen Raum einzurichten, fügt Alexander Callsen ein schwarzes, zeltartiges Gehäuse in eine schmale, urbane Lücke. Die Straßenfront wird durch seine Konstruktion geschlossen und zugleich wird der Zwischenraum als solcher markiert. Das temporäre Bewohnen der Nische durch den Künstler und die Freigabe seines Zeltgehäuses für weitere Nutzungen, stehen kapitalistisch-individualistischen Konzepten von ›Townhouses‹ und ›Cityapartments‹ kritisch gegenüber. Zugleich wird hier das alternative Potential von Stadt ausgelotet.

 

An einer Baustelle für ein luxuriöses Wohnungsquartier, das Elemente von italienischer Architektur und Theaterbauten verwendet, erklingen aus ausgebrannten Autokarosserien bekannte Opernarien – jedoch mit sozialpolitischen Liedtexten zum Wohnen. Die Gruppe KUNSTrePUBLIK unterhöhlt in dieser Aktion mit Praktiken der autonomen Szene die Exklusivitäts- Utopie des Wohnquartiers. Mit verschiedenen theatralen Elementen wird der kapitalistische Inszenierungscharakter entlarvt. An dem verschneiten Ort in Berlin-Mitte treffen urbane und kulturelle Utopien und Dystopien aufeinander:
Die Stadt wird zur Bühne ihrer eigenen Konflikte.


Schneefall, Wörter aus einem rezitierten Gedicht und verschiedene Nahansichten tasten die monumentale Bronzefigur des Ernst-Thälmann-Denkmals ab. In diesem visuellen, akustischen und taktilen Rauschen wird die gegenwärtige Ambivalenz des Denkmals deutlich: Monumentalität trifft auf Verluste; Anspruch an Dauer auf die Fragilität von Spuren. Betina Kuntzsch reflektiert nicht nur die Fragwürdigkeit des sozialistischen Machtsymbols, sondern auch die Annäherung an dieses. Dies schafft einen Raum für Möglichkeiten.

 

Nikolaus Schrot nutzt den Schnee, um Spuren zu verfolgen und zu legen: Er geht Passant*innen nach, die – durch einen Aufgang auf der Mittelinsel des Ernst-Reuter-Platzes gelandet – einen überirdischen Fußübergang suchen. Der Künstler markiert ihre schlendernden Wege in roter Farbe. Da ein Übergang in der Konzeption des Platzes fehlt, offenbart das Umhergehen und Sich-Verlaufen eine verfehlte Stadtplanung. Das Gehen wird zur Kritik und zugleich zu einer Metapher: Der Verlauf der roten Linien zeichnet ein mäanderndes Muster in die geplante Stadt ein.


Welche historischen und subjektiven Erinnerungen sind an Gebäude und Denkmäler geknüpft, die als Artefakte die Stadt bestücken? Wie wird mit den Repräsentationsbauten und Relikten aus vergangenen Epochen und politischen Systemen umgegangen?

Die Schneebälle, die Christof Zwiener auf verschiedene (Bau-)Denkmäler in Berlin wirft, hinterlassen kaum Spuren: Aber sie markieren diese als historische Repräsentanten von Machtgefügen. Die Schneeballwürfe entwickeln eine Dynamik, die die historische, symbolische Stadt mit Ironie und spielerischem Ernst durchlöchern will.


Die von Oliver Möst ausgewählte Videoreihe »Winter Video Fenster« zeigt kritische Blicke auf sicht- und unsichtbare Strukturen in der Stadt und führt zu der Frage, wie wir in Städten leben wollen.

 

Dr. Birgit Szepanski


Video Fenster der Kommunalen Galerie Berlin, Dezember 2021
Video Fenster der Kommunalen Galerie Berlin, Dezember 2021